Albanien – wir mögen das Land aber erst auf den zweiten Blick

Albanien – wir mögen das Land aber erst auf den zweiten Blick

Unsere ersten Eindrücke von Albanien waren alles andere als positiv, fast etwas schockierend aber auch irgendwie „erdend“. Alles in allem hat uns unserer Aufenthalt in Albanien einmal mehr Bescheidenheit und Zufriedenheit gelehrt und uns mit Dankbarkeit erfüllt.

Dankbar dafür, dass wir „zufälligerweise“ in einem Land aufgewachsen sind und leben,

  • in dem die Müllentsorgung doch sehr gut „funktioniert“ und es keine Müllverbrennungen im Vorgarten gibt,
  • die Flüsse eher sauberer als dreckiger werden,
  • wir noch alle Zähne im Mund haben, als Beispiel dafür, dass unser Gesundheitssystem niemanden durchs Raster fallen lässt,
  • wir in Wohnungen oder Häusern wohnen, die einem gewissen Standard entsprechen (insbesondere hinsichtlich der Stromversorgung, das heißt der Verlegung der elektrischen Leitungen) und
  • wir am Monatsende noch Geld für Freizeit, Hobbys und Reisen -Luxus im Allgemeinen- übrig haben.

Nicht dass hier jetzt ein komplett falsches Bild entsteht. Fast alle Albaner/innen, die wir getroffen haben, haben noch Ihre Zähne 😉 , wohnen in normalen Wohnungen und Häusern aber man sieht dem Land und teilweise auch den Leuten die Armut an und dennoch sind sie in vieler Hinsicht reicher und zufriedener als viele von uns, sicherlich auch als wir. Gilt doch häufig in der sehr „profitorientierten“ westlichen Welt, dass „mehr“ immer besser und „Geiz geil“ ist.

Sie haben einen großen Reichtum, den sie ganz verschwenderisch teilen. Sie sind so viel reicher an

  • Gastfreundlichkeit,
  • Offenheit und
  • Toleranz.

Ganz nach dem Motto „Liebe ist das einzige was wächst, wenn wir es verschwenden.“ (Ricarda Huch) hat uns Albanien mit seinen inneren Werten berührt.

Aber nun von vorne, was ist uns als Erstes in Albanien aufgefallen:

Müll(„entsorgung“)

  • Albanien ist das „am stärksten vermüllte“ Land, das wir bis jetzt bereits haben; noch viel mehr durch Müll verschmutzt als Bosnien und Herzegowina (sooo viel Hausmüll, Bauschutt eigentlich Müll und Abfall jeglicher Art, der einfach am Straßenrand abgekippt oder von Flüssen ins Meer gespült wurde, haben wir noch nicht gesehen. So stellen wir uns Indien vor, wobei Indien bestimmt noch viel schlimmer ist, denn schlimmer geht immer)
  • Private Müllverbrennungsanlagen (Müllverbrennung im Vorgarten), da soll sich jemand noch einmal über unseren Grillgeruch auf dem Balkon beschweren 😅🤣

Verkehr und Transport

  • Krankenwagen fährt entspannt mit 50, obwohl 80 erlaubt war „Wolfgang meinte, dass wenn uns etwas passieren sollte ein Krankenwagen aus Deutschland wohl schneller hier wäre“
  • Personen und Fahrradfahrer laufen oder fahren (auch gegen die Fahrtrichtung) auf dem Seitenstreifen der Autobahn (?) oder der Schnellstraße
  • Polizei mit Blaulicht (auf der linken Spur) und keiner macht Platz
  • Im Kreisverkehr in der Stadt fuhren Fahrradfahrer gegen die Fahrtrichtung und irgendwie auch kreuz und quer (das könnte ich aber auch 😉)
  • In Shkodra werden Fahrräder gefahren, die so alt und verrostet sind, dass sie unabgeschlossen am Frankfurter Hbf nicht geklaut werden würden oder die beim Sperrmüll niemand mitnehmen würde. Meiner Ansicht nach werden sie teilweise nur noch vom Rost zusammengehalten aber auch diese Fahrräder werden fleißig repariert und voller Stolz gefahren. Irgendwie fahren in dieser Stadt fast alle Bewohner/innen Fahrrad.
  • Das Fahrrad ist -insbesondere in Shkodra- nicht nur ein Fortbewegungs- sondern auch ein Transportmittel
  • Auch wenn es sehr viele (mehr oder weniger neue, alte und mitunter auch teure) Autos gibt, sieht man immer wieder bepackte Esel oder Esel und Pferde, die einen Karren oder eine Kutsche ziehen
  • Des Öfteren sieht man auch andere kreative Fortbewegungs-/Transportmittel, die der deutsche TÜV sicherlich nicht so einfach absegnen würde.
  • Auch die Schubkarre wird als Transportmittel genutzt.

Vertriebswege

  • Direktvertrieb von Obst, Gemüse, Kräutern und Tee am Straßenrand
  • Elektrogeräteflohmarkt am Straßenrand
  • Fischverkauf „wortwörtlich“ auf der Straße: Bei 20 Grad Außentemperatur lagen die frischen (?) aber definitiv rohen Fische entweder auf einer Plane auf dem Bürgersteig, direkt an einer Hauptverkehrsstraße, oder lagen in Plastikkisten auf dem Gehsteig

Armut

  • Was geht es uns in Deutschland doch gut. Klar gibt es bei uns auch Armut (bestimmt auch nicht wenig) aber entweder ist sie nicht so plakativ, das heißt nicht für jedermann sichtbar oder es hat in Albanien doch noch eine andere Dimension
  • So viele hungrige Straßenhunde haben wir bis jetzt auch noch nicht gesehen
  • Auch der Verkauf von Welpen in Gitterboxen am Straßenrand ist mehr als befremdlich und erschütternd (haben wir aber nur einmal beim Vorbeifahren gesehen)

Brauch / Aberglaube

  • Kuscheltiere oder Puppen an Häusern sollen böse Blicke abwehren und den Eigentümern/innen Glück bringen. Manchmal sehen die alten Kuscheltiere oder die Puppen/Puppenköpfe so gruselig aus, dass man den Blick -auch wenn er nicht böse ist- tatsächlich abwendet. Funktioniert also tatsächlich 😉.

Viehwirtschaft

  • Man sieht immer wieder einzelne Personen mit „einer“ Kuh oder eine angekettete Kuh auf einer kleinen Grünfläche (gerne auch schon einmal auf einem Grünstreifen neben einer Schnellstraße)
  • Im Landesinneren haben wir uns eine alte Schotterstraße mit einer Kuhherde geteilt
  • Des Öfteren sieht man kleine Ziegen- und Schafherden sowie Hühner und Puten in Vorgärten, insbesondere im ländlichen Bereich

Wenn man all das liest, dann fragt man sich sicherlich, ob wir auch positive Erfahrungen gemacht haben und dafür gibt es nur eine Antwort ein klares „JA“.

Unserer Ansicht nach machen insbesondere die Menschen Albanien aus, wobei die Natur, wenn man über den Müll hinwegsieht (was Wolfgang besser gelingt als mir) auch wirklich schön ist. Wie bereits eingangs erwähnt haben wir während unserer Reise noch nie so viel Freundlichkeit, Gastfreundschaft und Liebenswürdigkeit erlebt.

  • Da ist die liebenswerte und sehr gastfreundliche Campingplatz-Betreiberin,
  • die Dame, die ihren Esel führt und in die Handykamera lächelt, als ich ein Foto von ihr mache,
  • der Campingplatz-Betreiber, der seine Mandarinen mit uns teilt,
  • der Blechsammler, der uns beim Vorbeifahren zuwinkt und zahnlos anlächelt,
  • die junge Frau, die an einem Weihnachtsmarktstand gearbeitet hat, mit der wir uns sehr nett unterhalten haben und die uns angeboten hat, dass wir uns bei Fragen zu Albanien jederzeit an sie wenden können,
  • der Kellner, der sich so sehr über das Trinkgeld gefreut hat aber davor schon mehr als zuvorkommend war,
  • die ältere Dame mit ihre Familie, die wir beim Besteigen der Burg in Berat gleich zweimal gesehen haben und die mich beim zweiten mal so herzlich angestrahlt und mir direkt die Hand gegeben hat,
  • der alte Mann, der mir mit ein paar Gesten und einem Lächeln erklärt hat, dass ich ruhig auf die Weihnachtsdeko (einen Weihnachtsmannschlitten) klettern darf (wie einfach kann Verständigung sein und mit einem Lächeln im Gesicht funktioniert es gleich noch viel besser)

Getoppt wurde die Gastfreundlichkeit und Offenheit heute von einer Campingplatzbetreiberin (circa Mitte/Ende 50), die uns so herzlich mit zwei riesigen Zimtkaffees, Wasser, Keksen und Mandarinen aus Ihrem eigenen Garten willkommen geheißen hat.

Fast eine Stunde haben wir uns mit ihr über Gott und die Welt, Politik, Krieg, Müll, Religion, Lebenshaltungskosten, Fahrräder in Shkodra 😉 und persönliche Erlebnisse unterhalten. Englisch hat sie sich selber beigebracht (was für eine Leistung) und in der kurzweiligen und authentischen Unterhaltung haben wir auf sehr unterhaltsame Art und Weise soviel über Albanien gelernt und über sie und ihre Familie erfahren, dass ich immer noch ganz gerührt bin, wenn ich an das Gespräch denke.
Bereits nach kurzer Zeit hat sie uns ganz offen erzählt, dass sie sich sehr freut, dass wir heute da sind, da sie ausnahmsweise mit ihrer Tochter alleine ist und sie sich etwas unwohl gefühlt hätte, wenn sie und ihre Tochter auf ihrem Grundstück mit dem männlichen, italienischen Camper alleine gewesen wären.

Dann hat sie uns auf Nachfrage hin erklärt, dass Religion in Albanien eigentlich keine große Rolle spielt aber ihr Schwiegervater doch wissen wollte „was“ sie denn ist. Ihre Antwort darauf war Albanerin 😉. Als sie ihre Mutter fragte welche Religion sie denn hätte meinte selbige „Ganz weit zurück in der Vergangenheit sind wir wohl Muslime aber sag es keinem“. Ihrem Schwiegervater hat sie dann erklärt, dass sie von Allem etwas sei, mittlerweile fühlt sie sich eher als orthodoxe Christin.
Als Albanien noch kommunistisch war, hatte Religion kaum eine Bedeutung und heute leben alle Religionen friedlich neben- und miteinander. Was für eine schöne Erkenntnis.

Als ich ihr erzählt habe, dass mir die sehr alten Fahrräder in Shkodra aufgefallen sind, musste sie lachen und meinte, dass die sicherlich noch aus der Zeit des Kommunismus stammen, die sind nämlich unkaputtbar und werden auch repariert, weil Fahrräder in Albanien sehr teuer sind. Ein Fahrrad kann schon einmal mehr als einen Monatslohn kosten.
Ihre Tochter verdient als Anwältin (lawyer) circa 400-500€/Monat, wobei mindestens die Hälfte für eine Mietwohnung in der Hauptstadt ausgegeben werden muss und so viel günstiger sind die Einkäufe im Supermarkt auch nicht. Durch den Ukraine-Krieg sind die Supermarktpreise explodiert und nun kostet ein normales Päckchen Feta-Käse mehr als 12€ (den kaufen selbst wir nicht). Da bleibt unterm Strich nicht viel übrig.

Sie hat uns dann noch (auf Nachfrage von mir) zwei Wörter beigebracht. „Përshëndetje“ heißt „Hallo‘ und „Faleminderit‘ heißt „Danke“. Wir versuchen immer diese beiden Wörter in der Landessprache zu lernen und sie dann auch zu nutzen. Wie die Menschen strahlen, wenn wir uns an den Zungenbrechern in Ihrer Sprache versuchen. Da kommt es auch gar nicht darauf an, ob es perfekt ist … der Wille zählt. Albanisch ist übrigens nicht nur die offizielle Sprache in Albanien, sondern auch im Kosovo und in Mazedonien. Außerdem ist Griechisch die zweite offizielle Landessprache, aufgrund der einflussreichen griechischen Minderheit im Süden des Landes.

Ein so tolles Gespräch bei dem wir Alle viel gelacht und uns wohl gefühlt haben. Insbesondere wir haben viel über Land und Leute gelernt. Aufgrund dieser Erlebnisse mögen wir Albanien.

Nach der freundlichen Begrüßung und der liebenswerten Bewirtung haben wir noch eine kleine Flasche extra extra 😉 virgin Olivenöl geschenkt bekommen und sie hat mich darum gebeten, dass ich sofort an Ort und Stelle an der Flasche nippe und probiere. Ein wirklich sehr leckeres Olivenöl von ihren eigenen Oliven, das normalerweise nur für den eigenen Bedarf ist.

Ein so tolles, von Herzen kommendes Geschenk in einer wiederverwendeten 0,5 Liter Plastikwasserflasche. 😊

Albanien hat uns gezeigt, dass wir versuchen sollten nicht nur das Land kennen zu lernen, sondern auch mit den Leuten in Kontakt zu kommen, mehr mit Ihnen zu reden, zur Not mit Händen und Füßen oder mit Tierlauten, wenn man die Käsesorten auseinanderhalten will.

Kommunikation ist auch ohne Worte so einfach wenn man lächelt, alles (insbesondere sich selbst) nicht so ernst nimmt, offen und interessiert ist.

In diesem Sinne „lächelt mehr“, teilt es mit anderen, ob beim Einkaufen, wenn Euch jemand entgegen kommt oder einfach so. Ihr werdet erstaunt sein und es in gleichem Maße zurück bekommen.

3 thoughts on “Albanien – wir mögen das Land aber erst auf den zweiten Blick

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